Ja ist denn heut‘ schon Weihnachten?

Ich habe mich erschrocken, als ich heute auf den Kalender geschaut habe und sah, dass ich nun schon vier Wochen in Kiew weile. Ich frage mich, wo ist bloß die Zeit geblieben ? Bald muss ich wieder arbeiten gehen …

Die Werktage sind schon ein wenig anstrengend. Wie berichtet, werde ich täglich mehrere Stunden unterrichtet. Meine Lehrerin spricht kein deutsch, so dass die Verständigung nicht einfach ist. Begründungen und Erklärungen ihrerseits sowie die Vermittlung der Sprache, die ich nicht verstehe, sind auch für mich ein wenig anspruchsvoll. Ich lerne die Sprache freiwillig und freue mich über kleine Fortschritte. Ich glaube, dass ich die russische Sprache „tchut-tchut“ (ein wenig) spreche, natürlich nur im geringsten Ansatz. Das Erleben von Alltagssituationen, egal ob in der Gastfamilie oder woanders, ist spannend, interessant und amüsant. Die Gesprächsinhalte hier, könnten ebenso überall auf der Welt stattfinden, beispielsweise, warum nun gerade ICH (42, ein für sein Körpergewicht zu klein geratener Mensch und ohne durchgehende Kopfbehaarung mit Landeplatz, quasi wie William Conrad) keine Freundin oder Frau habe, dass der Schwiegersohn meiner Gastmutter nur an sein Training im Fitnessstudio denken würde oder die eigene, jüngere Tochter etwas fleißiger sein könnte …

Bei meinen Einkäufen in den Kaufhallen bemerkte ich, dass Mehl, Zucker, Reis, Kekse und viele andere Dinge unverpackt oder einzeln verkauft werden. Nicht unüblich in den Einkaufsmärkten ist die Möglichkeit des Erwerbens von noch lebenden, im Aquarium schwimmenden Fischen. Fische (auch lebende), Fleisch, Wurst, Käse und viele weitere Artikel können auch am Straßenrand erworben werden. Da die Gehälter hier oftmals so niedrig sind, dass das verdiente Geld nicht einmal für das nötigste reicht, verkaufen viele Menschen, meist Frauen, am Wegesrand, Metroeingängen und Tunneln Obst, Gemüse sowie Milch und Säfte in normalen und in alten Colaflaschen. Einige Menschen leben vom Verkauf einzelner Zigaretten. Ein Umlagenfinanziertes System, wie im sozialen „Schlaraffenland“ Deutschland, in dem nahezu jede/r Geld „geschenkt“ bekommt, selbst wenn er kein Geld verdient bzw. eingezahlt hat, gebe es hier nicht, wurde mir berichtet. Viele Senioren/innen würden von der Mindest-„Pensia“ (-Rente) leben. Aktuell betrage sie 949 Griwna (ca. 49,95 €). Das dieses Geld selbst hier noch nicht einmal für die Miete, geschweige denn Strom und Nahrungsmittel reicht, muss ich wohl nicht erwähnen. Insofern sind sehr viele Menschen auf ein Geschäft nebenher angewiesen. Als armer Student verwöhne ich daher meine Gastfamilie sporadisch mit kleinen Aufmerksamkeiten, doch dazu später mehr.

Im Unterricht bin ich u. a. mit den sechs Fällen in der Grammatik beschäftigt. Die Spaziergänge am Nachmittag sind daher befreiend und erholsam zugleich. Nicht weit von meinem Wohnblock entfernt, werden gleich mehrere neue Hochhäuser errichtet. Viele Neubauten haben bereits die in Deutschland übliche Fassade, mit der angeblich umweltschädlichen Styroporverkleidung, als Wärmedämmung.

Ich glaube, dass Kiew viel Potenzial hat, sich in diversen Bereichen positiv weiter zu entwickeln und sehe punktuell erste Anfänge, in die richtige Richtung. Gleiches kann man, rückblickend betrachtet, vom Gebiet der ehemaligen DDR, Polen oder Tschechien sagen, die sich fantastisch entwickelt haben, im Vergleich von vor 30 Jahren.

Am letzten Sonntag fiel in Kiew der erste Schnee und bedeckte die Stadt „ganz in Weiß“. Die letzten Tage wurde es schon etwas kühler und wir erreichen täglich fast zweistellige Minusgrade, sind jedoch definitiv unter null Grad. In dieser Woche schneite es weiter und der Frost ließ viele Stellen zu ungewollten Rutschpartien werden. Einen professionellen Winterdienst konnte ich zwar auf dem Chreschtschatyk beobachten, nicht jedoch an vielen anderen Stellen dieser Stadt. Allmählich sehe ich hier vermehrt Geschäfte, die ihre Dekoration im Schaufenster („Vitrina“) auf das bevorstehende Weihnachtsfest umgestalten. Auch die Werbung („Reklama“) wird angepasst. Zum Teil laufen hier die gleichen TV-Spots wie bei uns, jedoch in ukrainisch.

Da ich nicht mit meinem geliebten Fahrrad unterwegs bin, machen mir die hiesigen Wetterverhältnisse nichts aus. Obwohl hier teilweise genauso gerast wird, wie in meinem kleinen, beschaulichen Wohnort, empfinde ich es als weniger stressig.

Schön ist, dass alte Werte hier scheinbar noch gelten, wenngleich auch nur punktuell. Bis heute habe ich keine pöbelnden, sich betrinkenden oder gegenüber Anderen aggressiv auftretenden Jugendliche gesehen. In der U-Bahn, Tram oder Bus erheben sich junge Menschen und Männer von ihren Sitzplätzen und bieten diese Frauen (mit oder ohne Kinder) sowie gebrechlichen, zumeist Senioren/innen, an. Mir wurde bisher noch kein Sitzplatz angeboten … An den Ein- & Ausgängen existieren schwenkbare Türen. Hier halten viele Menschen sogar die Tür eine Sekunde länger fest bzw. offen und lassen diese nicht dem nächsten Reisenden ins Gesicht fallen.

Mit der Metro erkundigte ich nach „Schulschluss“ die Bahnhöfe 319 (Busbahnhof) und 318 (Einkaufskioske sowie ein Cafe). Etwas sehenswertes, zum dokumentieren, habe ich nicht entdeckt.

 

Als Genussmensch lud ich am Freitag Andrej von der Sprachschule zum Abendbrot ein, jenem Mann, der mich heute vor vier Wochen vom Flughafen abholte. Wir unterhielten uns über diverses. Als ich ihm meine These vorhielt, dass die Studenten (junge Männer) in Gastfamilien mit zumeist jungen, heiratsfähigen und vorzeigbaren Töchtern einquartiert würden, konnte ich ihm nur ein Lächeln entlocken.

Abendveranstaltungen und Locations werden weiterhin nicht kommentiert bzw. aufgeführt. Als armer Student gehe ich grundsätzlich nicht aus, aber das wisst Ihr ja … Oder?

Es gelang mir, Kontakt mit einer Abteilung aufzunehmen, die im weitesten Sinne zu meinem kleinen Familienbetrieb gehört. So erhielt ich eine Einladung zu ihrer diesjährigen Weihnachtsfeier, die am Freitag und gestern stattfand.  Die Gäste kamen aus unterschiedlichen Bereichen (Politik, Wirtschaft und Sicherheit) und reichten vom Baby bis zum Greis. Auf dieser Veranstaltung wurden mir einige derzeit hier beschäftigte Arbeitskollegen vorgestellt. Sie werden zentral, in einer kleinen „Datsche“, beschäftigt. Der Besuch war für mich sehr interessant und lehrreich. Auf der Weihnachtsfeier wurden unterschiedliche, deutsche Produkte angeboten. Ich kaufte für meine Gastfamilie ausreichend große Weihnachtsmänner und Nüsse sowie für meine Lehrerin Schokoladenkonfekt. Bevor ich mit der Metro nach Hause fuhr, genoss ich noch einige gut gemixte Getränke, die es dort gab.

Zu Hause eingetroffen, wurden die gekauften Produkte ein wenig hergerichtet. Als meine Gastfamilie die Wohnung betrat und die Süßigkeiten (mit deutscher Aufschrift) erblickte, schien sie sich erneut zu freuen …

 

An den kleinen Familienrat:

 

Über die vorgegebene Ziffer „2“ muss neu debattiert werden … !

 

Gute Nacht und bleibt gesund!

 

… der Reisende 😉

 

der Reisende präsentiert: XUT Nomer 15 😉

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