Eine Bahnfahrt die ist …

… mein siebenwöchiger Sprachaufenthalt in Kiew ist vorüber und es hieß, leider Abschied zu nehmen. Der bestellte Fahrer brachte mich zu meinem neuen Ziel. Es war der „Woksal“ (Bahnhof). Bereits gegen 20.30 Uhr traf ich dort ein, ca. eine Stunde vor der Abfahrt meines Zuges. Die Fahrkarte kaufte ich bereits eine Woche zuvor, gemeinsam mit Andrej. Den vorletzten Freitag fuhr ich abends zum Bahnhof und schaute mir den Zug an, mit dem ich nun fahren werde. Ein Bordrestaurant war mit dabei. Entsprechend fiel mein erwähnter Einkauf beim Reisebedarf etwas geringer aus.

... und wieder ein Weihnachtsbäumschen, in der Haupthalle des Kiewer Hauptbahnhofs.

… und wieder ein Weihnachtsbäumchen, in der Haupthalle des Kiewer Hauptbahnhofs.

Gegen 20.52 Uhr wurde der Zug für den Einstieg der Reisenden bereitgestellt. Der Zugang zu den Waggons wurde zuvor durch Absperrgitter und durch uniformierte Menschen (entweder Soldaten oder der Grenzschutz) sowie deren Hunde gesichert.

"Einige" Menschen sind auch hier unterwegs: am Freitag, am Hauptbahnhof

„Einige“ Menschen sind auch hier unterwegs: am Freitagabend, am Hauptbahnhof … und überall die Monitore oder Fernseher auf den Bahnhöfen …

Ich lief auf den Zug zu und musste an der Absperrung meine Fahrkarte und den Reisepass vorzeigen. Erst danach durfte ich zu den Waggons. Mein Abteil war im achten Waggon.

Mein Zug fährt ein ...

Es fährt ein der Zug nach … Mein Zug rollt in den Bahnhof ein…

... individuelle Überprüfung: "richtiger" Fahrgast im jeweils gebuchten Abteil ... ?

… Einsteigen, bitte! Individuelle Überprüfung: „richtiger“ Fahrgast im jeweils gebuchten Abteil … ?

Blick in ein Waggon, für den die "Platzkarten" genügen. Es sind die günstigsten Fahrkarten. Nicht abwerten gemeint, würde man in Deutschland eher "Holzklasse" sagen. Diese Abteile sind nicht verschlossen.

Blick in einen Waggon, für den die „Platzkarten“ genügen. Es sind die günstigsten Fahrkarten. Nicht abwertend gemeint, würde man in Deutschland eher „Holzklasse“ sagen. Diese 4er – Abteile sind nicht verschließbar.

Je Waggon gab es eine Schaffnerin bzw. Begleiterin. Sie wollte von mir ebenso die Fahrkarte, meinen Reisepass sehen sowie wissen, welche Staatsangehörigkeit ich besitze. Nach Erlangung der gewünschten Informationen durfte ich den Zug betreten.

Waggon Nummer 8

Waggon-Nummer 8

Dort entdeckte ich mein Schlafgemach, für diese Nacht. Es war die Liege Nummer sieben. Ich richtete mich häuslich ein. Viele Frauen haben sich vermutlich wohl gefühlt, in dem Zug. Er war für sie wohl temperiert. Kurze Zeit später traf ein Herr ein, graues Haar, vermutlich um die 60 Jahre alt, ebenfalls ein „kleines“ Bäuchlein, wie ich, begrüßte mich und sagte etwas auf russisch. Ich habe ihn nicht verstanden. Auch er machte es sich bequem. Wir fingen an uns zu unterhalten. Ich erklärte ihm, dass ich derzeit die russische Sprache lerne. Er achtete bei seiner Wortwahl darauf, dass ich ihn verstehe. Verstand ich ihn nicht, ließ ich ihn das wissen. Ihr kennt mich, keine Frage ist mir zu peinlich … :-). Sergej, so heißt er, mein Mitreisender und Weggefährte für diese Nacht. Er äußerte, er habe vor mehr als vierzig Jahren deutsch gelernt. Heute könne er nichts mehr davon. Interessanterweise gab er sich große Mühe, dass ich ihn verstand, zum Teil auch mit deutschen Worten.

Mein Schlafgemach für diese Nacht.

Mein Schlafgemach für diese Nacht, linke Seite, in Fahrtrichtung.

Individuelle Einstellmöglichkeiten in meinem Abteil bezüglich, der Lautstärke des Radios, des Service, der verschließbaren Tür ...

Individuelle Einstellmöglichkeiten in meinem Abteil, bezüglich der Lautstärke des Radios, des Service, der verschließbaren Tür … sogar mit einer Steckdose.

Blick in den Gang meines Waggons.

Blick in den Gang meines Waggons.

Zwischenzeitlich erfolgte die Personen- & Gepäckkontrolle im Zug. Sie dauerte ungefähr eine halbe Stunde. Um 21.47 Uhr -Kiewer Ortszeit- fuhren wir unserem neuen Ziel entgegen, 28 Minuten später als es der Fahrplan vorsah. Sergej war ebenso erschöpft, wie ich und wollte nur schlafen. Das wollte ich auch, konnte es jedoch nicht.

Ein- & Ausstiegsbereich ...

Ein- & Ausstiegsbereich …

... Notschalter ...

… Notschalter …

... zwischen den Waggons: eiskalte, heimliche Raucherlounge mit enthaltener Entlüftung der Rauchschwaden des heimlichen Zigarettenkonsums ...

… zwischen den Waggons: eiskalte Raucherlounge, inklusive Entlüftung der erzeugten Rauchschwaden des heimlichen Zigarettenkonsums … (Sorry, Bild während der Fahrt geknipst)

Zwecks Fotoaufnahmen lief ich durch den Zug. Argwöhnisch wurde ich von den anderen Zugbegleiterinnen und Fahrgästen angeschaut. Zwischen zwei Waggons hielt ich an. Es war kalt und ich konnte meinen eigenen Atem sehen. Ich hielt inne, nahm mir eine Zigarette, zündete sie an und rauchte sie genussvoll. Das ich somit weitere „zehn Minuten“ früher dahinscheiden werde, war mir bewusst. Es dürstete mich. Ich zog weiter, zum Bordrestaurant und bestellte ein Kaltgetränk. Sergej wollte nichts trinken, er hätte Herzprobleme, äußerte er. Mein bereitgestelltes Getränk hatte nur die Umgebungstemperatur. Der Barkeeper ging zu einem Kühlschrank, nahm aus diesem ein eiskaltes, fast glasklares Behältnis und schenkte mir mein Getränk ein. Ein Gast war im Speisewagen nicht zu sehen. So setzte ich mich alleine an einem Vierertisch, genoss das Getränk und schaute mir eine russische Sendung im Fernsehen an. Ungefähr eine halbe Stunde später ging ich zu meinem Abteil zurück und legte mich auf meine Liege nieder. Für meinen Körperumfang war sie einfach zu schmal. Ich kam mir vor, wie eine Billiardkugel auf einem Haar.

... die Bar im Bordrestaurant ...

… die Bar im Bordrestaurant …

... der Essensbereich im Speisewagen, mit Blick auf den erwähnten "Telewisor" (Fernseher)

… der Essensbereich im Speisewagen, mit Blick auf den erwähnten „Telewisor“ (Fernseher)

Noch immer konnte ich nicht schlafen. Ich blickte aus dem Fenster, hinaus in die Dunkelheit, sah die Lichter einzelner Häuser und Laternen, in den sonst scheinbar verlassenen Gegenden, an mir vorüberziehen. Im Nachbarabteil schrie ein Baby, in der internationalen Sprache ;-). Wenige Minuten später beruhigte es sich. Sergej schlief. Ich blickte wieder nach draußen. Der Himmel war von Wolken bedeckt. Wir fuhren an vielen Bäumen vorbei und es bildeten sich leichte Nebelschwaden. Punktuell sah ich unscharf kleine, helle Lichter im Wald aufleuchten, gelegentlich auch entgegenkommende Fahrzeuge, die schnell verschwanden. Ich legte meinen Kopf auf das Kissen nieder, schloss die Augen und ließ mich von dem fahrenden Zug, auf den unebenen Gleisen, dahinschaukeln.

Gedanklich blickte ich auf meinen Aufenthalt in Kiew zurück, an die Stadt selbst, die (Lebensart der liebenswerten und warmherzigen) Menschen, die unterschiedlichen Sprachen und vieles mehr. Erneut freute ich mich, dass ich die Möglichkeit ergriffen und bekommen habe, diese Reise antreten zu dürfen. Mitten in der Nacht klopfte es an meiner Tür. Wie Ihr auf den Bildern erkennen könnt, kann man in diesem komfortablen Zweierabteil die Tür von innen verriegeln. Es war die Schaffnerin. Sie sagte etwas, dass ich nicht verstand. Inhaltlich war es der Hinweis, dass ich mich der Grenze nähere. Sergej wurde vom Klopfen wach und ich schaltete das Licht ein. Wenig später hielten wir an einem Kontrollbahnhof an. Die obligatorische Überprüfung der Personen und Gepäckstücke erfolgte ohne Zwischenfälle und dauerte wieder ungefähr dreißig Minuten. Genügend Zeit, um nach meiner Kontrolle zur Waggontür zu gehen, diese zu öffnen und genüßlich eine Zigarette zu rauchen. Bitte achtet darauf, nicht aus dem Zug auszusteigen, es könnte an der Grenze, im laufenden Überprüfungs- & Kontrollvorgang, Ärger geben …

Kurz nach dem durchatmen ging ich zu meinem Abteil zurück. Meine mitgeführten Zigaretten wollte niemand sehen. Glück gehabt. Wie berichtet, sind sie in Kiew sehr günstig. In der Zwischenzeit sah ich, auf meiner Pritsche liegend, mehrfach Menschen von links nach rechts huschen, die scheinbar schwere, gut gefüllte Bettlaken trugen. Auch zwei Bahnmitarbeiterinnen waren darunter. War es Schmuggelgut oder doch nur der Abfall bzw. die dreckige Bettwäsche aus anderen Waggons? Ich werde es wohl nie erfahren, hab‘ ja auch nicht gefragt. Aus dem Nachbarabteil hörte ich einen Menschen schlafen, naja eher schnarchen. Auch das Baby fing wieder an zu schreien. Schließlich setzte der Zug seine Fahrt fort. Die Geräusche verschwanden mit zunehmender Geschwindigkeit des Zuges. Offensichtlich hatte ich ein wenig Glück und konnte ungefähr eine Stunde schlafen …

Morgens, gegen 7 Uhr, klopfte es an unserer Tür. Die Zugbegleiterin weckte Sergej und mich für das bevorstehende Frühstück, dass uns kurz darauf gereicht wurde. Vom Essen her war es eher ein Abendbrot. Egal, es füllte meinen leeren, knurrenden Magen und einen heißen Tee gab es ebenso hinzu.

Unser bestelltes Essen. Am Vorabend durfte ich aus drei unterschiedlichen Gerichten auswählen.

Unser bestelltes Essen. Am Vorabend durfte ich eines aus drei unterschiedlichen Gerichten auswählen.

Nach dem Essen machten wir uns fertig. Die Schaffnerin kam vorbei und wollte den am Vorabend genossenen Tee abkassieren. Das „Frühstück“ war im Fahrpreis für dieses Abteil inkludiert. Bevor ich meine Geldbörse zücken konnte, lud mich (den unsympatischen, körperlich unförmigen und aus der Werberelevante Hauptzielgruppe herausgewachsenen Menschen) Sergej zum Tee ein. Ich bedankte mich und bat ihm um seine Telefonnummer, damit ich mich später einmal revanchieren könne. Tatsächlich erhielt ich diese. Es war eine Nummer aus St. Petersburg, wo er wohnen würde.

Der Zug traf pünktlich gegen 8 Uhr am neuen Zielort ein. Sergej und ich verabschiedeten uns. Erschöpft, vom wenigen Schlafen der vergangenen zwei Nächte, begab ich mich zum Fahrkartenschalter, um eine neue Fahrkarte zu erwerben.

Ankunft am "Zielbahnhof" ...

Ankunft am „Zielbahnhof“ …

Bereits im Bahnhofsgebäude schien man in mir fälschlicherweise den „reichen“ Westeuropäer gesehen zu haben. Mehrere Menschen kamen auf mich zu und baten mir ihre unterschiedlichen Dienstleistungen an. Ich lehnte dankend ab und verließ das Gebäude. Auf dem Vorplatz sammelte ich mich, erkundigte mich nach den angebotenen Taxipreisen zu meiner ausgewählten Unterkunft und nahm letztlich eines dieser überteuerten Angebote an.

... wieder ein Weihnachtsbaum, diesmal am neuen Ort und nicht in Kiew, morgens bei meiner Ankunft.

… wieder ein Weihnachtsbaum, diesmal am neuen Ort und nicht in Kiew, morgens bei meiner Ankunft.

... der "erste Blick" auf die neue Stadt, außerhalb des Bahnhofes ...

… der „erste Blick“ auf die neue Stadt, außerhalb des Bahnhofes …

Wohin es mich verschlug, wo ich die nächste Nacht verbrachte, warum mein Abendessen mehr als 100.000,00 … kostete und was ich alles von dem gesehenem für Euch fotografiert habe, lest und seht Ihr hier – demnächst.

 

Alles Liebe und frohe Weihnachten wünscht Euch

 

… der Reisende 😉